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Ein lyrischer Blog...
Alina Jacobs

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Eine Kamera, es war deine Kamera.
Sie war gut, sehr gut sogar. Deine Fotos auch.
Gern machte ich mit ihr Bilder.

Und ließ sie mir, unter deinem strengen Blick
und der Ermahnung „Lass sie nicht fallen, Kind.“,
um den Hals legen.
„Wenn ich falle, dann werde ich sie so halten,
dass sie nicht nass wird“.

„Das wirst du nicht, deine Instinkte,
dein menschliches Verlangen nach Leben und Überleben wird dich dazu bringen,
die Kamera fallen zu lassen und nach etwas zu greifen.
Glaub mir.“

Ich schwieg.
„Dann werde ich halt nicht hinfallen.“
„Tu das.“
Ich legte die Kamera aufs Bett, dann ging ich.

Ich wachte auf, 4:58 Uhr, Sonnenaufgang.
Richtig da war ja was, ich wankte in dein Zimmer, nahm deine Kamera und strich dir eine Locke hinters Ohr.
„Ich bring sie dir gleich wieder, versprochen“, flüsterte ich.

Dann legte ich mir den schwarz- grauen Kameragurt um den Hals,
drehte den Deckel ab
und schloss meine Finger um die Gummi überzogenen Konturen, dein Schatz.
Ich hielt ihn in meinen Händen.

Um Punkt 5 Uhr stand ich draußen an der Reling,
eine Hand am Geländer in der anderen die Kamera,
meinen Finger auf dem Auslöser.
Ich wollte schießen, das perfekte Foto. Für dich.
Stellte mich auf die Erhöhung, sah durch die Kamera.
Fokussierte die Sonne.
Eine blutrote Sonne ging auf, unter ihr das dunkelblaue,
fast schwarze Meer mit schäumender Gischt. Malerisch.
Ich drückte den Knopf.

Ein perfekter Abzug. Ich wusste es, wollte wieder gehen, weiter schlafen.
Ich rutschte aus in einem Rinnsal aus Regentropfen.
Fiel.
Im Fallen dachte ich an mein Versprechen,
riss die Kamera vom schwarzen Ledergurt und hielt sie hoch mit der rechten Hand.
Ich schlug hart auf, im salzigen Nass.
Weiterhin oben mit meinen Armen, noch sollte sie nicht untergehen.

Ich merkte, wie die Kälte mich durchdrang
und meine nasse, schwere Kleidung mich herunterriss, auf den Grund.
Glaub mir, ich hielt die Kamera solange hoch,
bis mich jegliche Kraft verließ.
Schade, dass du das Foto nicht gesehen hast.

Dann könntest du mich vielleicht verstehen,
warum dass alles passiert ist
Und das ich es für dich getan habe.

Verzeih, ich habe mein Versprechen gebrochen.
©Alina Jacobs

May 24, 2016, 3:09 p.m. alina 0

„Ein langer, dunkel, kalter Raum.
Im Grunde ist er gar nicht dunkel und kalt
es brennt nur kein Licht.
Ist er hoffnungslos?
Wahrscheinlich, doch wie sieht denn ein hoffnungsvoller Raum aus?

Ist Raum nicht auch nur ein Synonym für Platz?
Für einen Ort an dem man sich sicher und geborgen fühlt?
Wo man Zuflucht sucht
und sie findet?

Aber wie soll ich Zuflucht finden, wenn es zu viele Türen gibt?
Was ist, wenn ich mich verlaufe, die falsche Tür nehme und meinen Platz,
meinen Ort nicht finde?“

*Dann werd' ich da sein und dir Licht machen.*
©Alina Jacobs

April 5, 2016, 11:33 p.m. alina 0

"Es ist wunderschön", murmelte sie, als sie ehrfürchtig in den wolkenverhangenen Himmel sah, der von goldenem Sonnenlicht getränkt wurde.
Sie wollte diesen Moment einfangen.
"Bitte...warte kurz. Lass es mich festhalten, ja?
Nur ein Bild."

Er trat auf sie zu, hob die linke Hand und tippte ihr sanft mit seinem Zeigefinger gegen die Schläfe.
"Klick", flüsterte er.
"Nun hast du ihn, deinen Moment, zwar nicht auf Papier, aber was ist Papier schon wert?
Glaub mir, es ist wichtiger Dinge im Herzen, als auf Bildern zu haben.
Fotos können vergilben,
Gedanken bleiben."

Sie blickte ihn eine Weile an und dachte nach.
Dachte nach über die Bedeutung seiner Worte - über ihren tieferen Sinn.
Schließlich fokussierte sie ihn mit einem durchdringendem Blick, hob die linke Hand und tippte sich mit ihrem Zeigefinger an die Schläfe...

"Klick".
©Alina Jacobs

April 5, 2016, 11:27 p.m. alina 0

Es war einmal ein alter Mann, der nur noch hinter seinem Fenster hockte und hinaus starrte – in die böse, graue, alte Welt.
Er sah keinen Sinn darin, rauszugehen.
Nicht das es hinter seiner Wohnzimmertür sicherer wäre, nein.
Diese Ansicht vertrat er nicht. Es ging ihm darum, dass er sich nicht präsentieren wollte.
Vor uns – der Gesellschaft, der er nicht angehörte.

Doch er hatte nie die Wahl.
Demokratie, nennen wir es, er nennt es „Augenbinden tragen“.
Er ist ein kluger, alter Mann, darum weiß er, wie wenig seine Weltansicht, die Welt an sich interessiert.
Er hat schon früh gelernt, zu schweigen, da seine Worte, nicht auch nur ein einziges Mal, gewürdigt wurden.

Im Nachhinein, wünsche ich mir, ich hätte ihm zugehört.
Einfach, damit er nicht denkt, dass sein Leben wertlos war.
©Alina Jacobs

April 5, 2016, 11:20 p.m. alina 0

„Warum müssen wir eigentlich erwachsen werden?“
fragte das Mädchen ihre Mutter.
„Damit sich irgendwann Großmutters Satz: „Damit du groß und stark wirst“ bewahrheitet“, erwiderte sie lachend.

„Ich meine das Ernst! Ich finde das ziemlich...gruselig und ich will das nicht! Habe Angst...vor dem Erwachsenwerden“, gestand die Kleine.
„Ich möchte nicht so komisch, wie die anderen Erwachsenen werden, die immer lächeln, nur noch arbeiten und vor lauter Arbeit nicht mehr wissen, WO ihr Zuhause ist und wo sie hingehören.

„Du hast dein ganzes Leben noch vor dir! Du brauchst keinem Klischee von Haus,Kind und Hund folgen...
Genieße diese Zeit, denn sie ist nichts was bleibt.
Schau her“.
Die Mutter nahm die Sanduhr aus dem Regal und drehte sie um.
Der Sand rieselte hinunter.
„Schau, so ist das auch mit der Zeit. Ich kann sie nicht aufhalten...“

„Ich aber“, rief sie und stellte die Sanduhr andersherum.
Dann stockte sie plötzlich: „Warum läuft der Sand denn weiter?“
rief sie sichtlich irritiert aus.
„Er soll stehen bleiben!“

„Siehst du? Das meinte ich. Es gibt Dinge, die wir nicht beeinflussen, geschweige denn aufhalten können.
Die Zeit, um nur ein Phänomen zu nennen. Aber es ist nicht schlimm, sieh wie viel Zeit uns doch gegeben ist!
Es kommt nur darauf an, was wir aus ihr machen...“

„Und was hast du gemacht?“

„Na, dich zum Beispiel!“
Mutter lächelte ihre Tochter an.
„Komm schon, lebe die Zeit in deiner kleinen Ewigkeit.“

„Man Mama, das verstehe ich nicht...
Aber ich möchte, wenn ich dann schon erwachsen werden muss, immer noch... leben – voller Fantasie sein, mich an geheime Plätze träumen und mir aus meiner Bettdecke eine Höhle bauen um mich dort zu verstecken, wenn alles zu viel wird. Will immer noch ungefragt Blödsinn reden und vor Lachen Bauchweh kriegen.
Möchte meine Träume leben, aber gleichzeitig noch welche haben...“

„Das klingt gut...“

„Unterbrich mich nicht, Mami!
Kurz gesagt, ich möchte später so wie du werden.
SO eine erwachsene Person, will ICH sein.“

Sie sah ihre Mutter an,
nahm sie in den Arm und flüsterte:
„Danke, dass du mich nicht alleine erwachsen werden lässt.“
©Alina Jacobs

April 5, 2016, 11:09 p.m. alina 0

Ist die schlimmste Angst, die man haben kann, die Angst vorm Sterben?
Ich habe mir schon früh Gedanken über mein späteres Ableben gemacht...
Genauer gesagt mit sieben.

Es war ein lauer Frühlingsnachmittag, die Sonne schien durch den wolkenverhangenen Himmel und ließ den letzten Schnee schmelzen, sowie die Schneeglöckchen sichtbar werden.
Ich lief über unsere morsche, rote Wippe hin und her,
hoch und runter.
Mein Vater war am Hecke schneiden, ich konnte ihn immer nur kurz sehen, immer dann, wenn die Wippe oben war, erhaschte ich einen Blick auf ihn.

Bei diesem stetigen Auf und Ab kam mir plötzlich eine Frage, eine Frage, die mir seit Uromas Tod nicht mehr aus dem Kopf ging.

„Papa?“
„Ja, Süße?“
„Wie ist das mit dem 'sterben'? Bin ich dann einfach 'weg'? Nicht mehr da oder komme ich in den Himmel? Und wenn ich in den Himmel komme, was mache ich da? Kann ich euch sehen? Ist das so wie auf Erden, bloß ohne Krieg, Angst und Hass? Bloß mit dem Unterschied, dass man nicht (mehr) sterben kann?
Werden wir uns dann im Himmel begegnen, wenn ich auch sterbe?
Aber...was ist, wenn ich in die Hölle komme?“, neugierig sah ich meinen Vater an.

„Hör auf dir darüber Gedanken zu machen...Du bist noch jung, mit ende Dreißig kannst du dich mit so was beschäftigen...“

„Aber ich will das JETZT wissen!“, unterbrach ich ihn.
„Der Tod und das sterben betrifft doch auch mich... Mama sagt immer, die schlimmste Angst, die man haben kann, ist die Angst vor'm sterben...
Wie soll ich keine Angst vor ihm haben, wenn ich nichts über ihn weiß, wenn ich ihn doch gar nicht kenne?“

„Spiel weiter, ich muss die Hecke schneiden.“
©Alina Jacobs

April 5, 2016, 11:03 p.m. alina 0

"Hier, versuch mal dein Glück.
Aber du darfst nicht zu kompliziert denken, obwohl du es tun wirst, da du ein Mensch bist und Menschen denken kompliziert.
Dennoch ist es okay, ich kann es dir nicht verübeln."
Nachdem du eine Weile (hoffnungslos) vor dich hin probiert hast, gebe ich dir einen Tipp.

"Du denkst logisch, sprich eine symmetrische Fläche auf eine andere... doch was ist, wenn du anfängst unlogisch zu denken?
Beispielsweise das eine Viereck um 90 Grad drehst?"
"Das verändert doch auch nichts!"
"Das verändert alles," erwidere ich und lächle, als ich sehe, wie du anfängst zu grinsen, weil die Lösung doch so einfach war.
Ja, sie war einfach, doch leider denken wir nicht einfach ---> vielleicht sollten wir anfangen, an viele Probleme so ran zugehen, wie an einen Tetraeder...

Kompliziert, doch mit einem Freund, der neben einem steht und im letzten Moment den ausschlaggebenden Hinweis gibt.
Du brauchst nicht 'einfach' an eine Sache ran zugehen, das wäre zu viel verlangt.
Du brauchst bloß jemanden, der bereit ist deine Probleme einfach zu betrachten.

"So, nun bist du dran, mir etwas Kompliziertes einfach zu machen."
Ich gebe dir meinen Zauberwürfel, den Würfel, der für mich ein ungelöstes Geheimnis ist.
Du nimmst ihn in die Hände, flink drehen deine schlanken Fingern an den Steinchen und um mir zu demonstrieren, wie leicht es dir fällt, schaust du mir dabei in die Augen.

Doch auch du machst Fehler, denn mit der Zeit werden deine Bewegungen grob, weniger geschmeidig und dann knackt es.

Es knackte in meinem Würfel, er fiel auseinander und zerbrach.
Nun liegt mein Quadrat in Scherben, denn du warst nicht in der Lage, mir mein Problem 'einfach' zu machen...
Schade eigentlich.
©Alina Jacobs

April 5, 2016, 10:45 p.m. alina 0